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Entdecken Sie das Baltikum!
Die drei baltischen Völker
haben mit Schwung das Grau der Sowjetzeit abgeschüttelt. Ihre Länder
sind lebendig, liebenswert und auffallend unterschiedlich
Für
einen historischen Augenblick standen die drei baltischen Länder im
Mittelpunkt der Weltgeschichte. 1990/91 leitete ihr Wunsch nach
Unabhängigkeit den Zerfall der Sowjetunion mit ein. Fernsehkameras, die
Augen der Welt, begleiteten die weit gehend friedliche »singende
Revolution«. Sie erhielt diesen Namen, weil die demonstrierenden Esten,
Letten und Litauer zu Hunderttausenden ihre traditionellen Volkslieder
sangen. Der Gesang spielte immer eine große Rolle für die Balten -
während der Ablösung von der Sowjetunion genauso wie während der
mehrere Jahrhunderte dauernden Zeit der Fremdherrschaft verschiedener
anderer Nationen zuvor. Singend konnten die baltischen Völker ihr
nationales Bewusstsein zeigen und bewahren.
Die Revolution
ist Geschichte, und viele Balten wundern sich heute selbst über das
Pathos, mit dem sie sich seinerzeit vor Kälte zitternd zum Kampf gegen
die Panzer der Supermacht aufmachten. Was sich in den folgenden Jahren
im Baltikum entwickelt hat, wurde im Westen lange Zeit kaum registriert
- auch nicht in Deutschland, das bis zum Zweiten Weltkrieg eine Grenze
mit Litauen teilte.
Esten, Letten und Litauer zeigten
besonderen Reformeifer. Im Handumdrehen lösten sich die drei Staaten
aus der erzwungenen Orientierung auf Moskau und verwandelten sich in
drei lebendige, bewegliche, ganz auf Austausch und Handel mit
Westeuropa ausgerichtete Staaten. Die Mühe hat sich gelohnt: 2004
traten Estland, Lettland und Litauen der Nato und der EU bei.
Das
Baltikum - das sind drei auffallend unterschiedliche Staaten. Abgesehen
von der geografischen Lage und der gemeinsamen Vergangenheit als
Provinzen Russlands und später als Republiken der Sowjetunion, die von
der Mehrzahl der Menschen als gemeinsame Gefangenschaft gesehen wird,
trennt Litauer, Letten und Esten mehr, als sie verbindet.
Vor
der russischen Zeit, die in Est- und Lettland Anfang des 18. Jhs., in
Litauen Ende des 18. Jhs. begann, gingen die Ostseevölker getrennte
Wege. Lettland und Estland wurden im 13. Jh. von der ostwärts
gerichteten deutschen Kolonisierungs- und Missionierungsbewegung
erfasst. Hansekaufleute gründeten zu dieser Zeit an der Düna (heute:
Daugava) und der Narva Handelsposten. Mit den Fernhändlern gelangte
mitteleuropäisches Denken in den nordöstlichen Ostseeraum - in ihrem
Gefolge kamen auch Priester. Deren christliche Mission setzte der
Schwertbrüderorden, der später vom Deutschen Orden abgelöst wurde,
militärisch durch. Aus den Händlern und Rittern ging der
deutschbaltische Adel hervor, der jahrhundertelang die Geschicke der
Region bestimmte. Und die deutschbaltischen Barone und Kaufleute
blieben auch, als Dänen, Schweden und schließlich Russen die
Oberherrschaft über das nördliche Baltikum erlangten. Diese
Fremdbestimmung endete erst in den Wirren des 20. Jhs.
Ganz
anders Litauen: Das litauische Volk ließ sich vom Deutschen Orden nicht
vereinnahmen, und am Ende des Mittelalters gelang es Litauen durch die
Anlehnung an Polen, eine gewisse Eigenständigkeit zu bewahren.
Während
Letten und Esten eher durch die Geschichte verbunden sind, einen Letten
und Litauer ihre verwandten Sprachen. Lettisch und Litauisch gehören
sprachwissenschaftlich zur indogermanischen, das Estnische hingegen
gehört zur finnougrischen Sprachenwelt.
Erst seit dem Ende
des 18. Jhs. rückten Esten, Letten und Litauer zwangsweise näher
zusammen. Als Bewohner russischer Ostseeprovinzen machten sie im
Zarenreich ähnliche Erfahrungen: Industrialisierung, Bauernbefreiung,
nationale Erweckung und die erste Phase der Unabhängigkeit jedes
einzelnen der baltischen Staaten nach dem Ersten Weltkrieg; schließlich
fanden sie sich gemeinsam in der Sowjetunion wieder. Aus ihr brachen
sie 1990/91 noch zusammen aus, seither aber schultern die drei Länder
mehr im Einzelkampf denn kooperativ die Last, aus ehemaligen
Sowjetrepubliken moderne Marktwirtschaften zu machen, die ganz auf die
EU ausgerichtet sind.
Der Begriff »Baltikum«, wie er heute
weltweit für die Region benutzt wird, ist erst im 18. Jh. aufgekommen,
als es den Russen unter großen Mühen gelang, »Pribaltika« zu erobern.
So nennen sie die drei Länder noch heute, abgeleitet von der
lateinischen Bezeichnung für die Ostsee als »Weißes Meer«, dem »Mare
Balticum«.
Ein gemeinsamer Begriff könnte aber bald wieder
aus dem Gebrauch kommen. Die drei Staaten gehen unterschiedliche Wege,
vor allem, was die strategische Partnerwahl anbelangt. In Estland ist
der finnische Einfluss unübersehbar geworden. Die nur durch den
schmalen finnischen Meerbusen getrennten Hafenstädte Helsinki und
Tallinn rücken immer näher zusammen. Währenddessen besinnt sich Litauen
auf eine Neuverständigung mit Polen, das sich bei den Verhandlungen um
Litauens Beitritt zur Nato und zur EU zum ersten Anwalt des
Nachbarlands aufgeschwungen hat. Lettland in der geografischen Mitte
sucht noch nach einer eigenen Position - nach innen wie außen.
Prognosen
geben noch keine Klarheit darüber, ob die Region sich weiter
auseinander leben oder unter wirtschaftlichen Zwängen neu formieren
wird. An der Börse in Rīga oder in der im ganzen Baltikum operierenden
estnischen »Hansabank« haben die Manager bereits begriffen, dass sie an
den Finanzmärkten in London oder New York nur dann wirklich
wahrgenommen werden, wenn sie das Baltikum als Ganzes vermarkten und
nicht die kleinen Teilmärkte Estland, Lettland und Litauen. Die Politik
aber folgt dieser Einsicht bislang eher zögerlich. Nun wird die EU mit
ihren verpflichtenden Standards und Normen die Staaten zusammenhalten.
Schon
vor dem offiziellen Beitritt im Mai 2004 hatten sich die drei Länder
herausgeputzt. Die besten Schaufenster sind die drei Hauptstädte.
Tallinn, Rīga und Vilnius wurden liebevoll restauriert, die Fassaden
mit Pastellfarben versehen. Der Wind der Veränderung hat viel Neues
neben dem Alten entstehen lassen. Da kontrastieren die maroden
sozialistischen Plattenbauten des Tallinner Vorstadtviertels Lasnamäe
mit gläsernen Bankentürmen, die inzwischen in den Himmel der estnischen
Hauptstadt wachsen. Noch immer klappern die alten Straßenbahnen
sowjetischen Typs durch Rīga - und bringen Fahrgäste etwa zu einer
IT-Firma, die Datenbanksysteme deutscher Großbetriebe wie des
Ferienfliegers LTU managt: per Standleitung direkt aus der lettischen
Hauptstadt.
In den baltischen Städten verhält sich die
jüngere Generation so, wie es Altersgenossen anderswo in der westlichen
Welt auch tun. Die Jungen kleiden sich nach der Mode des Musiksenders
MTV. Das Markenzeichen der Älteren auf dem Weg zur Karriere sind Anzug
und Handy. Und trotzdem sind sie anders: Bei vielen kommt eine
Naturverbundenheit zum Vorschein, die in den baltischen Ländern
vielleicht tiefer verwurzelt ist als anderswo. Sie wollen zurück zur
Natur, in der sie Kindheit und frühe Jugend verbracht haben. Viele
Menschen leisten sich ein Ferienhäuschen. Obwohl auch im Baltikum der
Mensch Teile der Natur in Planquadrate gepresst hat, gibt es hier noch
viele einsame Flächen, hügelige, von verstreuten Baumgruppen geprägte
Weiten, Nadelwälder, Hochmoore, Störche auf ihren Nestern, ausgedehnte
Sandstrände und schroffe Küsten, Seen, Wellen und Wind.
Die
ausgeprägte Naturliebe vieler Balten mag auch mit der Geschichte zu tun
haben - die letzten Heiden Europas verehrten bis ins letzte Jahrtausend
hinein heilige Bäume, vor allem Buchen und Eichen, aber auch Hügel,
Steine und Quellen. In lettischen und litauischen Wäldern stehen noch
heute viele hölzerne Mythengestalten - Erinnerungsstücke an diese Zeit.
Das
Baltikum ist ein Vogelparadies, es gibt 400 Arten, darunter sehr viele
Störche. Im Wasser der unzähligen Seen und Flüsse und an der Küste
tummeln sich Barsche und Hechte; es gibt Heringe, Aale, Kabeljau,
Karpfen und Lachse. In den Wäldern leben Hirsche und Biber, weiter im
Norden auch Luchse. Allerdings sind zahlreiche Tiere verschwunden, so
gibt es kaum noch Elche und Bären, und das bereits ausgestorbene
Rebhuhn musste im Gauja-Nationalpark in Lettland wieder ausgesetzt
werden.
Die Balten planen, umweltgerechten Naturtourismus
zu entwickeln und nicht allein auf hohe Besucherzahlen zu setzen. Es
ist denkbar, dass die Ostseeküste Litauens einmal zum beliebten
Naherholungsgebiet für Berliner wird, denen die Regionen um das
Mittelmeer zu weit entfernt, zu voll und zu teuer sind. Bislang spricht
vor allem die mangelnde Verkehrsanbindung dagegen. Insbesondere der
Landweg durch Polen macht die Anreise zur Strapaze.
Der
Frühling kommt etwas später als in den kühleren Regionen Deutschlands,
die baltischen Sommer sind kurz. Die wohl schönste Jahreszeit ist der
Herbst, der das Baltikum in ein prächtiges Farbenmeer verwandelt. Im
Winter fallen bisweilen mehrere Meter Schnee, der aber erst ab Neujahr
zu erwarten ist. Bis dahin verhindert die von der Sonne aufgeheizte
Ostsee, dass sich Kälte ausdehnen kann. Vor allem Estlands Hauptstadt
Tallinn versinkt im neuen Jahr tief im Schnee, und die bisweilen
rekordverdächtig langen Eiszapfen an den Kaufmannshäusern bleiben im
Gedächtnis der Urlauber.
Aber nicht nur das: Erholung
Suchende finden an der Ostsee endlose Weiten. Allerorten sind
beeindruckende Relikte der Geschichte erhalten, und die baltischen
Städte haben auch kulturell viel zu bieten. Nicht zuletzt immer mehr
junge Leute finden den Weg in die Ostseestädte mit Hansecharme.
Individualreisende kommen schon wegen des ausgelassenen Nachtlebens
wieder, das vor allem in Litauen zu erleben ist - im Baltikum findet
jeder Besucher, was er auf seiner Reise sucht.
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